Mangelhafte Widerrufsbelehrung: So steigen Hausbesitzer aus teuren Krediten aus

Die Banken haben es nicht leicht in Deutschland. Im vergangenen Jahr mussten sie erleben, wie der Bundesgerichtshof einen jahrelangen Streit um die Rechtmäßigkeit von Kreditbearbeitungsgebühren endgültig zu Gunsten der Verbraucher entschied. Hunderttausende, vielleicht Millionen Bankkunden wandten sich daraufhin an ihr Kreditinstitut und forderten unrechtmäßig erhobene Gebühren zurück.

 Allein am 29. Dezember vergangenen Jahres gingen deshalb 30.000 Einschreiben beim Bundesverband deutschen Banken ein – von Kunden, die mit Hilfe des Ombudsmanns ihr Geld zurück wollten.

Seit einer ganze Weile rollt die nächste Welle. Und es geht in jedem Einzelfall um wesentlich mehr Geld als bei den Kreditgebühren. Zehntausende Hausbesitzer haben festgestellt oder wenigstens die Hoffnung, dass sie wegen eines Formfehlers ihrer Bank aus einem teuren Baukredit nachträglich aussteigen und einen neuen, billigeren, abschließen können. Seit November 2002 haben Banken ihre Kunden nicht korrekt auf die Möglichkeit eines Widerrufs ihres Kreditvertrages in den ersten 14 Tagen hingewiesen. Ohne eine solche korrekte Belehrung ist der Widerruf auch noch nach Jahren möglich.

Vorteil für den Kunden: Statt fünf Prozent für einen Baukredit, den sie 2009 abgeschlossen haben, würden sie heute nur zwei Prozent zahlen müssen. Dabei geht es für die Kunden und die Banken in jedem einzelnen Fall um fünfstellige Summen; entsprechend hart werden die Auseinandersetzungen geführt. Schon bei einem 200.000-Euro-Kredit aus dem Jahr 2009 geht es um deutlich mehr als 20.000 Euro.

Banken stellen auf harte Gegenwehr um

Die Banken fühlen sich richtig schlecht behandelt von ihren Kunden. Wegen eines aus Sicht der Geldinstitute läppischen Formfehlers sollen sie viel Geld verlieren. Doch Mitleidsappelle an die Kunden haben offenbar nicht gefruchtet. Inzwischen versuchen Zehntausende Kunden, den Formfehler zu nutzen. Und die Banken stellen spätestens jetzt auf harte Gegenwehr um. Sie sind es anscheinend nicht gewohnt, dass die normalen Regeln des Geschäftslebens auch in ihren Kundenbeziehungen gelten.

Das lässt sich an einem viel diskutierten Beispiel verdeutlichen – dem Skandal um die die Lehman-Zertifikate des Jahres 2008. Die waren den Kunden von ihren Bankberatern oft genug als sichere Papiere verkauft worden, obwohl die Papiere von der Tochter einer amerikanischen Großbank stammten und als Wetten nicht die Sicherheit klassischer Spareinlagen hatten.

In diesem Fall lag der Fehler bei den Kunden. Die glaubten nämlich der Beteuerung ihres Bankangestellten, dass die Anlage sicher sei und bohrten nicht nach. Sie bestanden nicht einmal auf einer schriftlichen Versicherung, dass die Anlage sicher ist. Als die Bank Lehman Brothers Pleite ging, büßten die Kunden für diesen Fehler mit einem Totalverlust ihrer Anlage – sie mussten zahlen.

Banken sprechen miteinander über ihre Problemkunden

Sollen Banken jetzt etwa auch für einen Fehler die Strafe des Verlustes erleiden? Das darf in den Augen der Banken offenbar nicht sein. Mit Händen und Füßen wehren die Kreditinstitute sich gegen die vermeintlich unverschämten Kunden, die einen Bankenfehler bei den Kredit-Widerrufsbelehrungen zunächst mit Hilfe von Verbraucherzentralen und zunehmend auch Anwaltskanzleien ausnutzen wollen.

Die Kunden sollten sich davon nicht abschrecken lassen, sondern nüchtern bleiben. Bauherren sollten sorgfältig prüfen lassen, ob ihre Widerrufsklausel fehlerhaft ist und ob sie deshalb eine realistische Chance haben, ihren Finanzierungsvertrag rückgängig zu machen. Außerdem sollten sie schauen, ob ihre Rechtsschutzversicherung ihnen bei der Auseinandersetzung mit der Bank beisteht.

Ist das alles geklärt, sollten sie sich noch vor dem Widerruf unbedingt eine neue Bank suchen, die anschließend sicher die Baufinanzierung übernimmt. Denn immer wieder berichten Verbraucher, dass sie keinen neuen Kredit bekommen – die Banken sprechen sich offenbar ab und lehnen gegenseitig die als renitent geltenden Kunden als neue Kreditnehmer ab.

Verbraucherschützer fanden Fehler in drei von vier Verträgen

In 80 Prozent der von ihnen geprüften Verträge haben Experten der Verbraucherzentralen mehr oder weniger gravierende Fehler gefunden. Fehler sind in vielen Verträgen etlicher Banken nachgewiesen – von der Deutschen Bank über die Commerzbank, die ING-Diba, die DSL Bank bis hin zu vielen Sparkassen. Zahlreiche Anwaltskanzleien haben im vergangenen Jahr gegen Banken gewonnen. Eine Übersicht finden Sie hier.

Wer keine passende Rechtsschutzversicherung hat und das Risiko genau abwägen muss, dem bieten inzwischen einige spezielle Prozessfinanzierer Hilfe an. Schließlich kann die Auseinandersetzung schon in der ersten Instanz mehr als 10.000 Euro kosten. Verliert der Kläger den Prozess, bleibt er nicht auf dem Schaden sitzen. Gewinnt er, muss er vom Ertrag des Streits ein Drittel abgeben.

Bei positiven Aussichten zu kämpfen, ist für Verbraucher auch quasi eine gesellschaftliche Aufgabe. Es ist wichtig, damit Banken im Umgang mit den Kunden ihre Haltung endlich ändern. Solange die Kreditinstitute trotz anders lautender Gerichtsurteile mit Abschreckung durchkommen, werden sie nicht lernen, dass der Unmut von Kunden mindestens so gefährlich und kostspielig ist wie der Unmut einer angelsächsischen Aufsichtsbehörde, die auch deutsche Banken für andere Verfehlungen mit Milliardenstrafen belegen.

Oder um sinngemäß mit den Worten eines leitenden Mitarbeiters einer deutschen Großbank zu sprechen: Mit einem Bruchteil der Strafzahlungen, die wir Banken aktuell im Ausland leisten müssen, könnten wir alle Fronten bei der Auseinandersetzung mit unseren Kunden begradigen.

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