Lebenszeichen eines vergessenen Landes

Die Kurzfilmtage bieten eine breite Palette jungen kubanischen Filmschaffens – salsatanzende Mulattinnen und alte Strassenkreuzer sucht man in den Filmen allerdings vergeblich. Ein Kuba jenseits der Clichés: ausgepowert, ruiniert und der Parolen müde: weiter

Es gab an den Kurzfilmtagen Winterthur schon einmal ein Kuba-Programm, 1998 bei der zweiten Ausgabe des Festivals. Filmisch war das Land seit 1994 durch den internationalen Grosserfolg von «Fresa y chocolate», dem bittersüssen Drama von Tomás Gutiérrez, bereits eingeführt, es folgten in den Jahren danach weitere Filme aus Kuba in den hiesigen Kinos. Und 1997 war die erste CD des Buena Vista So­cial Club erschienen. Wenig später wurde dann mit Wim Wenders’ Verfilmung vom Triumphzug der Altherrenriege eine eigentliche Kuba-Welle ausgelöst. 

Heute ist alles ein bisschen anders, zwar hat kubanische Musik verschiedenster Stilrichtungen ihre treue Fangemeinde, ausserdem existiert in der Schweiz eine kubanische Community, die es so in den späten 1990ern noch nicht gab. Andererseits aber sind neue Filme aus Kuba schon seit Jahren in den hiesigen Kinos nicht mehr präsent – sechs Jahre sind vergangen, seit letztmals ein neuer Film eines kubanischen Regisseurs in den Kinos lief. Unter diesen Vorzeichen ist es nur zu begrüssen, dass die Kurzfilmtage Gelegenheit zum Erleben von jungem, aktuellem Filmschaffen aus Kuba bieten. Ein Kuba jenseits der Clichés wollten sie zeigen, heisst es seitens der Kurzfilmtage, und den Anspruch lösen sie voll ein.

Die elf Filme der zwei Programmblöcke zeigen mehrheitlich ein trauriges und ausgepowertes Land, von 50 Jahren sozialistischer Misswirtschaft und ebenso langem US-Embargo wirtschaftlich ruiniert, die Durchhalteparolen des Regimes klingen hier jeden Tag hohler. Das zeigt sich sowohl in den sechs Kurzfilmen von Studenten der Filmschule EICTV wie auch in den fünf Beiträgen von Armando Capó. Der 1979 geborene Capó studierte ebenfalls an der EICTV, schloss dort 2009 ab und ist heute der wichtigste kubanische Grenzgänger zwischen Dokumentarischem und Experimentellem.

Wie gekonnt Capó sich darin bewegt, zeigt sich etwa in «La inercia, todos los pantógrafos van al cielo» von 2007. Am Anfang stehen von infernalischem Lärm begleitete, leicht schwankende Detailaufnahmen alter Maschinen, menschlicher Füsse und Hände, Luftansichten eines Eisenbahndepots – bevor die Kamera zum Himmel schwenkt, der Filmtitel erscheint und man sich mit Passagieren und Ziegen in einem klapprigen Waggon befindet.

Begegnung auf dem Perron 

Es ist der Hershey-Zug, eine Regionalbahn, die Havanna mit der 100 Kilometer entfernten Provinzstadt Matanzas verbindet. Das Rumpelbähnchen wurde von einem europäischen Investor für den internationalen Tourismus aufgemotzt, und es gibt im Film eine Szene, wo der Zug sich an einer Station mit jenem der Einheimischen trifft: Kubanische Animatoren mit Schirmmützen zeigen den Touristen auf dem Perron Salsaschritte, derweil die Kubaner im anderen Zug das Treiben teilnahmslos registrieren – bevor sie aussteigen und mit ihren Ziegen langsam in die Wildnis hinausgehen. Diese Szene ist übrigens die einzige in allen elf Filmen, wo fröhlich tanzende Menschen zu sehen sind – ein starkes Zeichen.

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