Helfererfahrungen aus Haiti

– Christen Parker, 42, ist Dolmetscherin und lebt eigentlich in New York. Sie ist mit einem Medizinerteam der Universität Miami nach Haiti gekommen, am Tag nach dem Beben, um die Sprachbarrieren zwischen den Ärzten und ihren verängstigten, verzweifelten Patienten zu überbrücken. Sie hat alles protokolliert, was sie erlebte. “Bei Amputationen haben wir versucht, möglichst eine Nacht zu warten, damit sich die Patienten an den Gedanken gewöhnen konnten. Kaum einer sagte nein.”

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Christen umklammert ein kleines, abgegriffenes Notizbuch. “Dies sind meine Geschichten”, sagt sie und zeigt Seite für Seite, eng bekritzelt mit einem Schwall von Worten, der schier vom Blatt quillt. Manche sind verwischt, als seien sie nass geworden. Andere brechen mittendrin ab.

Parker, eine zierliche Frau mit großer Brille, sitzt auf ihrem Rucksack hinter dem halb zerstörten Flughafen-Terminal von Port-au-Prince. Rings um sie scharen sich zahllose weitere Menschen, die die Stadt verlassen wollen. Sie warten seit Stunden, manche seit Tagen. Hubschrauber knattern durch die Luft. Eine Frau stillt ein am Kopf bandagiertes Baby.

“Meine Geschichten”, wiederholt Parker und beginnt vorzulesen. Von der Frau, der sie ohne Betäubung ein Bein amputierten. Von dem Jungen, der nicht wusste, ob er noch Eltern hatte. Von dem Greis, der nach fünf Tagen aus den Trümmern seines Hauses gerettet wurde, nur um dann singend und betend zu sterben. Jeder kennt sie hier inzwischen, diese Geschichten, doch schwarz auf weiß entfalten sie ihr Grauen aufs Neue.

“Es war so schwer, sich das alles anzuhören”, sagt Parker, Tränen in den Augen. “Aber ich habe alles aufgeschrieben. Jedes Wort. Wenn ich jemals Mut brauche, hier finde ich ihn.”

“Ich brauche eine Pause. Dann komme ich zurück”

Hunderte harren am Flughafen ihrer Ausreise. Die meisten kommen aus den USA: Diplomaten, Touristen, Verwandte von Haitianern – und vor allem immer mehr, die als freiwillige Helfer kamen und inzwischen so ausgelaugt sind, dass sie es nicht mehr länger ertragen können. Also haben sie ihre Habseligkeiten in Koffer, Taschen, Säcke und Tüten gepackt.

Wie viele Helfer sich genau ins Erdbebengebiet aufgemacht haben, weiß keiner. Neben der Uno, der US-Hilfsagentur USAID, den Militärs und anderen Offiziellen sind hier Dutzende private, unabhängige Gruppen im Einsatz, die keiner zählt. Doch selbst bei den Krisenveteranen liegen die Nerven nach mehr als einer Woche in der Hölle blank.

“Ich brauche eine Pause”, sagt Jim Guest, 50, ein Neurochirurg aus Florida, der mit einer Gruppe namens Medishare unterwegs war – dem Team aus Miami, für das auch Parker dolmetschte. “Ich muss mal richtig schlafen. Ich muss mich mal ausheulen.” Und dann? “Dann komme ich zurück.”

Narkosemittel, das sonst bei Pferden und Katzen eingesetzt wird

Guest operiert normalerweise an Gehirnen, hoch spezialisiert, hoch technisiert. In Port-au-Prince dagegen “hatten wir rund 100 Amputationen – bei fast 400 Patienten. Wir hatten aber kaum die richtigen Instrumente dafür, mussten uns behelfen. Wir haben Gürtel zum Abbinden genutzt und einmal sogar einen roten Wasserschlauch”.

“Wir sind kaputt”, sagt auch Joe Mackey, 46, ein Anästhesist aus Boston. Er erzählt von mittelalterlichen Methoden, mit denen er mangels Nachschubs Patienten in zwei OP-Zelten behandelt habe. Sie hätten weder richtiges Betäubungsmittel gehabt noch Sauerstoff. Also hätten sie sich mit Ketamin beholfen, einem Lokalnarkosemittel, das sonst eher bei Pferden und Katzen eingesetzt wird. “Zwei Päckchen pro Bein reichen.”

Auch Oselene Joseph steht in der Schlange, sie trägt ein Blümchenkleid und stellt Sohn Vladimir Fotaine vor. Der 13-Jährige hat den Kiefer bandagiert und den rechten Arm in Gips. Das Haus habe ihn unter sich begraben, sein Vater habe ihn ausgebuddelt, sagt Joseph. Jetzt hofft sie, dass Vladimir mit nach Miami darf, weil sie selbst einen US-Pass besitzt. Sie winkt mit beiden Ausweisen, ihrem amerikanischen und seinem haitianischen.

“Und meine Tochter ist tot”, sagt sie ganz am Ende des Gesprächs, das Gesicht starr.

Zwei junge, wortkarge Frauen vom State Department sitzen an der Schleuse, vor sich Laptops, und bearbeiten jeden Fall. Wie viele Personen haben sie schon ausreisen lassen? “Abertausende.” Wie viele Stunden pro Tag läuft die Prozedur? “Rund um die Uhr.” Haben sie letzte Nacht geschlafen? “Zwei Stunden.”

Wortlose, präzise Gesten – Hunderte Soldaten ent- und beladen die Helikopter

Der Flughafen von Port-au-Prince gleicht einem Nadelöhr: Die einen wollen raus, die anderen rein. Am Donnerstag teilte das federführende US-Südkommando Southcom mit, seine Truppenpräsenz auf 20.000 zu erhöhen.

Denn immer noch werden Verletzte aus dem verwüsteten Gebiet zum Airport gebracht, an dem das US-Militär das Kommando übernommen hat. Nach dem jüngsten schweren Nachbeben mussten die Feldhospitäler Betten räumen und halbwegs genesene Patienten weiterreichen, um Platz für neue zu schaffen.

Allein am Donnerstag hätten sie 15 weitere Personen zum US-Lazarettschiff “USS Comfort” ausgeflogen, sagt Marine-Commander Stephen Polk, ein schwarzer Hüne, der den Hubschrauberverkehr am Flughafen regelt. Er arbeitet von einer kleinen Erhöhung aus, vor der die Maschinen auf dem verdorrten Gras landen. Insgesamt fertigt er an diesem Tag 70 Flüge ab, mit wortlosen, doch präzisen Gesten, von 7 Uhr früh bis kurz nach 16 Uhr. Denn nach Sonnenuntergang ist es der Navy verboten, Zivilisten über die See zu fliegen.

Mit einer Präzision wie ein Uhrwerk entladen Hunderte Soldaten von Marine, Luftwaffe und Armee die ankommenden Hubschrauber und beladen sie neu. Polk dirigiert die wartende Zivilisten auf freiwerdende Plätze. Hinter zahllosen Paletten mit Trinkwasser sind ein paar junge Soldaten erschöpft eingeschlafen.

“Unsere Teams sind im Einsatz, bis die Regierung sagt, sie sollen aufgeben”

Auch der sonstige Flugverkehr läuft im Vergleich zum Chaos der ersten Stunden mittlerweile fast reibungslos. Alle paar Minuten startet eine Maschine, darunter ein Charterflug der Delta Airlines. Auf dem Rollfeld warten mächtige Brummer der US-Luftwaffe und auch eine Maschine der Fuerza Aérea Venezolana, die gerade mit Menschen und Material beladen wird.

Die meisten Hilfsorganisationen beschweren sich nicht mehr. “Alles ist viel besser geworden”, sagt Rebecca Gustafson von USAID. “Und unsere Suchteams sind weiter im Einsatz. Bis die haitianische Regierung ihnen sagt, sie sollen die Hoffnung aufgeben.”

Um kurz nach 16 Uhr hebt der letzte Hubschrauber des Tages zur “USS Comfort” ab, die in der Bucht ankert. Der “Dragonslayer 611” hat keinen Patienten mehr an Bord, nur noch Soldaten und Reporter. Pilot Scott Hatch steuert seinen Hubschrauber in weiten Kreisen über die Stadt, “Donuts fliegen”, wie sie das nennen.

Von oben zeigt sich ein verheerendes Bild der Stadt, auch neun Tage nach dem Beben noch. Manche Viertel sind unversehrt, andere komplett zerstört. Aus Ruinen steigen immer noch Rauchschwaden. Der Wind treibt den beißenden Brandgeruch bis durch die offenen Türen des Hubschraubers. Dann werden die Menschenmengen in den Straßen immer kleiner. Bis sie schließlich verschwinden.

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Comments

  • Zahnmedizin Kevelaer  On February 3, 2010 at 1:47 am

    Wie lange gibt es diesen Blog schon? Fange selbst gerade mit dem Bloggen an, bin aber noch lange nicht so weit…

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