Agathe Bauer oder Mundegreen?

Agathe Bauer? Noch nie gehört! Doch in Plattformen wie youtube ist Agathe Kult!. Mundegreen? Auch schon mal was davon gehört? Wohl kaum, trotzdem die Story klingt einfach “nett”

Wer nicht hören will, muss kichern

Paul McCartney haut auf die Leberwurst? Bob Marley besingt den Eichhörnchen-Sheriff? Und Bob Dylan hat Ameisen als Freunde? Manchmal verstehen wir Hits richtig … falsch. Heraus kommen dann oft himmelschreiend komische Songzeilen. einestages präsentiert die besten Verhörer der Musikgeschichte.

Und jetzt alle mitsingen: “The ants are my friends, they’re blowin’ in the wind!” Ameisen sind so gesellige und soziale Wesen – wer will die nicht zum Freund haben? Kein Wunder, dass Bob Dylan darüber einen seiner bekanntesten Songs geschrieben hat. Wie? Hat er nicht? Die Ameisen wehen gar nicht im Wind? Der Text geht anders?

Kaum zu glauben, aber solche Verhörer passieren vielen Menschen. Manchmal mit Songs, die sie schon jahrelang kennen. Sie verstehen einmal was nicht richtig oder hören nicht genau hin und reimen sich etwas zusammen. Oder sie können kein Englisch, Spanisch, Italienisch oder Französisch – und ihr Hirn konstruiert etwas Muttersprachliches in die Texte, das sie fortan nicht mehr loslässt.

Eigentlich spricht ja auch nichts dagegen. Entweder man bemerkt den Fehler gar nicht, und dann tut es nicht weh (und den Song macht es auch nicht unbedingt schlechter) – oder es ist unglaublich lustig. Wenn jemand davon überzeugt ist, die Gruppe Ich + Ich sänge “Es tobt der Hamster vor meinem Fenster” (anstatt “der Hass da”), dann ist das zwar ein wenig peinlich, wenn es auffliegt. Aber irgendwie auch süß.

Der Mann, der eine Walnuss liebt

“Mondegreens” nennen Amerikaner solche Verhörer. Der Ausdruck geht zurück auf die Autorin Sylvia Wright. Im November 1954 hatte sie in einem Essay für die Zeitschrift “Harper’s Bazaar” beschrieben, wie sie sich als Kind bei der schottischen Ballade “The Bonny Earl Of Murray” immer verhört hatte. Einer der Verse endet mit “They ha’e slain the Earl O’Murray / And laid him on the green” (“Sie hatten den Earl of Murray erschlagen / Und legten ihn aufs Gras”). Wright hatte jedoch in der zweiten Zeile stets “… and Lady Mondegreen” verstan-den.

Jahrelang war sie ganz gerührt gewesen vom tödlichen Schicksal des vermeintlichen Paares – bis sie eines Tages den Originaltext entdeckte. Daraufhin verfasste sie den Artikel, und der Begriff “Mondegreen” fand seinen Weg in die Alltagssprache. Heute steht der Ausdruck sogar in Wörterbüchern als Bezeichnung dafür, wenn Hörer eine Formulierung in ihrer eigenen Sprache missverstehen.

Haben Sie auch schon mal eine Songzeile komplett falsch verstanden? Oder fehlt ein besonders witziger Verhörer? Teilen Sie Ihre liebsten Zeilen in der Debatte zum Thema mit anderen einestages-Lesern!
Meist ist es nur ein Laut, der sich im Ohr verdreht, und der Sinn ist ein ganz anderer: aus “hands” (Hände) werden “pants” (Hosen): “He’s got the whole world in his pants” heißt es dann in dem christlichen Hit “He’s Got The Whole World In His Hands”. Oder “Scuse me while I kiss this guy” (“Entschuldigen Sie mich, während ich diesen Typen küsse”) statt “the sky” (“den Himmel”) – wie es im Lied “Purple Haze” von Jimi Hendrix korrekt heißt.

Der Schriftsteller Garvin Edwards hat solche englischsprachigen Beispiele gesammelt, die beiden genannten sind die Titel zweier seiner Bücher, ein drittes heißt “When a man loves a walnut” (“Wenn ein Mann eine Walnuss liebt”) statt “When a man loves a woman” – was so rührend ist, dass es auch ein sehr schöner Songtitel wäre.

Hau auf die Leberwurst!

Auch in Deutschland gibt es Bücher wie diese. Zum Beispiel die von Axel Hacke. “Der weiße Neger Wumbaba” heißt das erste von Dreien, weil ein Leser Hackes einen jahrhundertealten Text missverstanden hatte. Im Gedicht “Abendlied” von Matthias Claudius heißt es: “Und aus den Wiesen steiget / der weiße Nebel wunderbar”. Aus der letzten Zeile wurde “der weiße Neger Wumbaba”. Ein klassischer Verhörer ist das, ein deutsches Mondegreen. So wie aus der Wendung “den Schritt zu wagen” in Roland Kaisers Schnulze “Santa Maria” schnell “Schnitzelwagen” wird, wenn man nicht ganz genau zuhört oder in der Stimmung dazu ist, etwas nicht richtig verstehen zu wollen.

Noch häufiger – und noch lustiger – sind jedoch Verhörer in einer fremden Sprache. Kindern passiert das gerne bei Hits, die im Radio laufen. Aber auch ältere Hirne reimen sich oft einfach etwas zusammen, wenn sie der Sprache nicht mächtig sind, in der ein Song gesungen wird. “Hau auf die Leberwurst” singt Paul McCartney dann statt “Hope of Deliverance”. Und aus “I’ve got the Power” (“Ich habe die Kraft”) wird der Verhörklassiker “Agathe Bauer”.

Auch für solche Hörunfälle gibt es einen Fachausdruck: Soramimi. Das ist japanisch und bezeichnet einen Vorgang, in dem Wörter einer fremden Sprache als gleich klingende Wörter einer anderen (meist der eigenen) interpretiert werden. Das ist nur allzu menschlich: Unser Hirn will einfach etwas verstehen. Und macht aus “It must’ve been something you said” von der Cutting Crew ein bisschen dreist “Du musst besoffen bestell’n”. Oder aus “Mi manca da spezzare” von dem italienischen Rocksänger Nek wird “Niemand kann das bezahlen”. Weil es sich so ähnlich anhört. Und weil es so einfach ist. Jedem passiert das. Und wer die falschen Zeilen einmal gehört hat, der bekommt sie nicht mehr aus dem Kopf. Denn Verhörer sind mächtig.

Kein Wunder, dass das Internet in allen Sprachen voll ist von solchen Beispielen. Unser Hirn will nämlich nicht nur immer etwas verstehen – es will auch seinen Spaß haben.

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