“Am Kragen packen und ins Gesicht schreien”

“Angriff auf die Freiheit” heißt ein neues Sachbuch von Juli Zeh über Datenüberwachung im Internet. “Einseitig und polemisch” nennt die Autorin selbst ihr Werk. Doch Provokation sei das beste Mittel, um den Lesern die Gefahr durch den Überwachungsstaat vor Augen zu führen.

SPIEGEL ONLINE: Bislang haben Sie Romane geschrieben wie “Adler und Engel”, “Spieltrieb” oder “Corpus Delicti”. Nun erscheint ein Sachbuch zum Thema Datenschutz und Bürgerrechte. Wieso das?

Juli Zeh: Ich beobachte den Abbau von Bürgerrechten schon lange mit Sorge. Schritt für Schritt entwickelt sich so etwas wie ein Überwachungsstaat um uns herum. Aber ich fühlte mich bislang alleine mit meiner Kritik. Ich habe mich oft gefragt: Bin ich vielleicht paranoid, bin ich hysterisch mit meinen Befürchtungen? Dann las ich durch Zufall einen Essay von Ilija Trojanow in der “Stuttgarter Zeitung”, der mir aus der Seele sprach. Ich habe ihn kontaktiert, und wir beide hatten das Gefühl: Jetzt ist mal Schluss mit Kunst. Jetzt müssen wir auch mal Klartext reden.

SPIEGEL ONLINE : Sie nehmen die Leser ganz schön hart ran und sprechen sie direkt an: “Bedenken Sie, dass Sie sich verdächtig machen, wenn Sie nicht alles offenlegen”, schreiben Sie zum Beispiel. Derlei rhetorische Tricks könnten einige Leser abschrecken. Wen wollen Sie damit erreichen?

Zeh: Ich will die Mehrheit der Bevölkerung erreichen. Alle die Leute, die den schönen Satz reproduzieren: “Ich habe ja nichts zu verbergen”.

SPIEGEL ONLINE : Aber Sie holen diese Normalbürger doch gar nicht bei ihren Befürchtungen – etwa der Angst vor Terrorangriffen – ab?

Zeh: Wir wollten in diesem Buch keine technischen Detaillösungen bieten, dazu gibt es doch eine Menge Fachliteratur. Wir wollen etwas anderes erreichen. Wir wollen dazu beitragen, dass scheinbare Spezialisten-Themen wie Internetsperren, Überwachungskameras oder Datamining einem breiteren Kreis von Bürgern in ihrer politischen Tragweite vermittelt werden. Das ist der Versuch, derlei Themen aus dieser reinen Experten- und Protestnische herauszubekommen. Bürgerrecht in der digitalen Welt muss ein Querschnittsthema werden wie es der Umweltschutz ist.

SPIEGEL ONLINE : Weder Sie noch Ihr Mitautor Ilija Trojanow sind bislang als Teil der Internet-Aktivistenszene hervorgetreten. Sie beide kommen eher aus der Ecke der Literatur und Reisereportage. Sind Sie selber ein Beispiel dafür, dass sich eine Datenbohème langsam in die Mitte der Gesellschaft bewegt, und dass sich so etwas wie ein Netz-Bürgertum bildet?

Zeh: Schauen Sie sich doch einfach an, wer sich bei Themen wie Datenschutz engagiert. Die sind doch im Auftreten viel angepasster als die Umweltschützer vor zwanzig Jahren. Ich würde sagen: Das ist eindeutig ein Phänomen des Bürgertums und der Mittelschicht, also sozusagen Bourgeoisie, nicht Bohème. Allerdings dominieren dabei immer noch die jungen Männer und die Nerds. Das muss aber nicht so bleiben. Denn das Thema Bürgerrechte geht uns alle an.

SPIEGEL ONLINE : Dafür, dass Sie eine breite Öffentlichkeit ansprechen wollen, tragen Sie im Buch aber ganz schön dick auf mit Sätzen wie diesem: “Schon bislang darf der britische Geheimdienst alles abhören und speichern, braucht dafür aber jeweils eine Erlaubnis des Innenministers, die allein im Jahre 2007 etwa 500.000mal angefordert wurde. Eine derart umfassende Kontrolle hat es noch nie gegeben, nicht unter Nero, Henry VIII, Louis XIV., Napoleon, Franco, nicht einmal unter Hitler und Stalin.”

Zeh: Ja, wir packen die Leser sozusagen am Kragen und schreien ihnen ins Gesicht. Das Buch “Angriff auf die Freiheit” ist für meine Verhältnisse ungeheuer einseitig und polemisch ausgefallen, ich schreibe sonst anders. Aber uns schwebte ein bisschen so eine Strategie vor wie die des US-Regisseurs Michael Moore. Dessen Filme bedienen sich der billigsten Mittel, um eine Meinung zu vertreten. Aber vielleicht ist genau das notwendig, wenn die Gegenseite ebenfalls zu derlei Mitteln greift. Wir wollten uns dafür nicht zu fein sein.

SPIEGEL ONLINE : Die nächste Wahl steht bevor. Stellen Sie sich vor, Sie stehen am 27. September in einer Wahlkabine und fragen sich, wem Sie guten Gewissens Ihre Stimme geben können. Was wäre Ihr Fazit nach der Arbeit an diesem Buch?

Zeh: Ich habe mich leider bei den letzten Wahlen daran gewöhnt, die Fragen nach Bürgerrechten und Datenschutz bei meiner Wahlentscheidung ausklammern zu müssen. Das ist schmerzhaft.

SPIEGEL ONLINE : Seit 2006 gibt es die Piraten-Partei, die sich genau um diese Themen schwerpunktmäßig kümmert.

Zeh: Ja, ich stehe in Kontakt mit den Piraten. Ich setze große Hoffnungen in diese Partei. Vielleicht haben die eine ähnliche Entwicklung vor sich wie die Grünen. Aber noch ist mir das Parteiprogramm der Piraten nicht substanziell genug. Beim Thema Urheberrecht zum Beispiel erkenne ich als Juristin, dass die einiges nicht verstanden haben, zum Beispiel den Unterschied zwischen Urheberrecht und Verwertungsrecht.

SPIEGEL ONLINE : Würden Sie eher auf Petitionen als Parteien setzen?

Zeh: Petitionen sind eine hervorragende Art der Meinungs- und Willensbildung, das kann auch die Parteien stark beeinflussen. Es wird doch immer rumgejammert, die jungen Leute seien unpolitisch. Aber die stürmen doch förmlich den Petitions-Server des Bundestages. Petitionen sind dazu geeignet, aus dieser subversiven Protestnische herauszukommen und stattdessen aktiv den Staat mitzugestalten. Der deutsche Online-Petitionsserver ist viel wichtiger als diese immergleiche Frage nach dem Twittern im Obama-Wahlkampf. Eine profunde Entwicklung setzt doch erst ein, wenn die Gesellschaft sich darauf einstellt: Das Internet ist ein wichtiger Ort für die Meinungs- und Willensbildung. Online-Petitionen können dabei eine wichtige Rolle spielen.

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