New-Wave-Punk-Woodstock rockt das Paleo

und das schreibt der Bund:

Reize und Problemzonen

Das ausverkaufte Paléo-Festival in Nyon hat am ersten Tag der 34. Austragung noch kein Musik-Wunder hervorgebracht. Dafür gingen die Stars zu routiniert, die Aussenseiter zu wenig überraschend zu Werke.

Musik im Fettverbrennungsbereich: Die Show der Gruppe Gossip kommt trotz merklichem Bemühen der Sängerin Beth Ditto nicht richtig in Schwung. (Keystone)

Musik im Fettverbrennungsbereich: Die Show der Gruppe Gossip kommt trotz merklichem Bemühen der Sängerin Beth Ditto nicht richtig in Schwung. (Keystone)
Die Openair-Saison befindet sich erst etwa in der Halbzeit, und schon lässt sich die schönste Song-Ansage der Saison 2009 feiern: «The next song is a boring song – because it is long and boring», ruft der Sänger der Gruppe Peter Kernel in Tessiner-Englisch von der kleinen Le-Détour-Bühne seinem Publikum zu. Und das Erstaunliche ist: Das nächste Stück, das er mit seiner Band anstimmt, ist tatsächlich lang und langweilig. Es handelt in erster Linie von einem Sänger, der ein etwas allzu unbeschwertes Verhältnis zu seiner unvollkommenen Stimme pflegt.

Und trotzdem ist bei dieser No-Wave-Band aus Bellinzona ein ehrenhaftes Kunstwollen zu erkennen. Eine Unberechenbarkeit, die einen dann doch dermassen berauscht, dass man sich entscheidet, auch für das nächste und übernächste Stück noch auszuharren. Ein Effekt, der sich bei der gleichzeitig auf der Hauptbühne tätigen Gruppe Kaiser Chiefs partout nicht einstellen will. Diese Band aus Leeds, die seit Mitte dieses Jahrzehnts im Trubel des hysterisch ausgerufenen Post-Punk-Revivals zum selbstbewussten Pop-Bastard herangewachsen ist, hat so rein gar nichts, was man als reizvoll bezeichnen könnte. Keinen wiedererkennbaren Sound, kein wiedererkennbares Gefühl, nichts, wozu man sich verlieben möchte. Die Kaiser Chiefs machen Rockmusik für betrunkene Gymnasiasten, nachlässig mit englischem Schick verzierte Bierzeltmelodien, alles scheint abgeguckt, alles beruht auf verstaubten Skizzen aus besseren Musikzeiten – alles mündet in Einförmigkeit und rockmusikalisches Einerlei.

Wir sind in Nyon. Das Paléo-Festival 2009 erlebt seinen Eröffnungsabend und präsentiert sich gleich in gewohnter Pracht – mit all den bekannten Problemzonen und geschätzten Reizen: Auf der Hauptbühne regiert die Routine internationaler Grossproduktionen, auf den vier Nebenbühnen gibt es Platz für Experimente und Ungewohntes. Musik, die auch einmal langweilig sein darf, und wo Applaus erntet, wer es wagt, aus den sattsam bekannten Openair-Phrasen auszubrechen.

Damit wären wir auch schon beim Openair-Rezensions-Evergreen dieser Saison, nämlich bei der Frage, wie sich die neue Schweizer Pop-Hoheit Sophie Hunger denn im Umfeld dieser Grossveranstaltung geschlagen hat. Chronisten anderer Festivals erklärten das Experiment «Sophie Hunger auf der Grossbühne» bereits als gescheitert, doch in Nyon ist bekanntlich alles ein bisschen different. An anderen grossen Freiluft-Musikveranstaltungen wird seitens der auftretenden Bands seit Längerem kaum mehr auf die Kunst der linden Ballade zurückgegriffen, weil zu befürchten ist, dass diese vom DJ im Rivella-Zelt übertönt oder vom Publikum als Aufforderung zum Wortwechsel verstanden werden könnte. Im Châpiteau des Paléo-Festivals ist die Ballade noch erwünscht, Sophie Hunger holt sich den bisher längsten Willkommensapplaus der heurigen Austragung ab, und bereits nach dem ersten mehr gehauchten denn gesungenen Song muss eine kollabierte Zuschauerin aus dem Zelt geborgen werden. Schwer hat es Sophie Hunger trotzdem. Die stillen Passagen werden vom dumpfen Bass-Drum-Viervierteltakt des Nebenzeltes geniert, und das Wechselspiel zwischen lauten und leisen Passagen in ihren Songs ist irgendwann ein bisschen ausgereizt. Doch das Publikum bleibt der Sophie wohlgesinnt, ihre zauberhafte Version der Noir-Désir-Hymne «Le vent nous portera» wird gar ausgelassen bejubelt. Und es bleibt die Erkenntnis, dass La Hunger auch in widrigem Umfeld keinen Millimeter von ihrem musikalischen Anspruch abweicht.

Etwas, was man sich auch von der Hauptbühnen-Attraktion, der amerikanischen Band Gossip gewünscht hätte. Was hat die Gruppe um die stämmige Sängerin Beth Ditto auf ihren vier Studioalben nicht schon alles an entfesselter Musik in die Welt gesendet – ihre Mengung aus Soul, Post Punk und Disco gehört zu jenem spärlichen Teil der heutigen Musik, deren Haltbarkeit nicht so schnell verjähren wird. Doch der Auftritt in Nyon steht unter ungünstigen Vorzeichen. Die Band verspätet sich um eine halbe Stunde und bekundet in der Folge Mühe, ihrer Musik Schwung und Nachdruck zu verleihen. Ein Schwächeln, das bereits auf ihrer neuesten Einspielung («Music for Men») zu bemerken war, wo die Urgewalt früherer Tage stellenweise einem gewissen Schöntun geopfert wurde. Beth Ditto demonstriert in Nyon mit jedem Ton, den sie singt, ihre Stimmkraft, schrammt damit aber auch ab und an mit voller Kraft an den Tönen vorbei. Gute Musik ist das alleweil noch, doch das erwartete erste Festival-Wunder bleibt leider aus.

Dieses Wunder schafft trotz guter Musik auch der Headliner Placebo nicht. Ein musikalisches Gesamtkonzept ist in diesem ausladend euphorisierenden New-Wave-Pop mit der charismatisch zwischen Quengelei und Sexyness schlenkernden Stimme von Brian Molko zwar zu erkennen. Doch nach etwa einer halben Stunde kommt die Gewissheit auf, dass man hier kaum mehr in einen abweichenden Gefühlszustand bugsiert wird. Wenn dieses Konzert eine Erkenntnis bringt, dann die, dass routinierte Perfektion nichts ist, was die Pop-Musik mittelfristig weiterbringt. Und so ist es ein fast schon amüsantes Paradoxon, dass der meistgefeierte Held des ersten Paléo-Abends ausgerechnet ein junger französischer Casting-Show-Gewinner ist. Sein Name: Julien Doré. Seine Musik: unentschlossen, aber beeindruckend zwischen Pop, Chanson und New Wave pendelnd. Seine Masche: durchschnittliche Lieder mit aller Eindringlichkeit und beträchtlichem Schweissvergiessen darbringen. Mit anderen Worten, die auch für den ersten Paléo-Abend stehen könnten: Ein bisschen langweilig, aber trotzdem irgendwie interessant.

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