die FAZ über Bruce Springsteen – in welchem Konzert war denn blos der Rezensent?

Man möchte der altehrwürden FAZ doch am liebsten zurufen: lasst es einfach, über Rockkonzerte zu schreiben. Müht Euch mit Mozart oder Pinocchio ab, oder trampelt ein wenig auf Schiller oder Goethe herum, aber Rockkonzert und FAZ passen einfach nicht zusammen.

Die Verquickung mit Michael Jackson und Bruce Springsteen ist schonmal ein nogo. Was soll das, auf einen Bericht in “irgend einer deutschen Wochenzeitung” bezug zu nehmen, um sich – in einer Konzertkritik von Bruce Springsteen, über den Nachruf für Michael Jackson abzureagieren.

Warum, lieber Redigierer, hast du diesen Mist nicht einfach rausgestrichen ??? Man hätte es dir sicher als Großtat angerechnet:

Hier der volle Text aus der FAZ:

Der Wahnsinn, mit dem die Welt zu retten ist

Von Uwe Ebbinghaus

Arbeitet für seinen Traum: Bruce Springsteen in FrankfurtArbeitet für seinen Traum: Bruce Springsteen in Frankfurt

04. Juli 2009 Michael Jacksons Tod ist vielen Menschen wahrscheinlich auch deshalb so zu Herzen gegangen, weil man sich als Musikkonsument, der von Jackson bis zur Selbstverleugnung professionell bedient wurde, an seinem Niedergang mitschuldig fühlte. An mancher Stelle wurde erklärt, mit ihm seien die achtziger Jahre nun endgültig gestorben. Zum Beispiel in einer großen deutschen Wochenzeitung von einem jungen Autor, der beim Erscheinen von „Thriller“ gerade einmal zwei Jahre alt war, wobei man sagen kann, dass, wer die achtziger Jahre als Kind erlebt hat, sie wahrscheinlich nicht richtig erlebt hat, und seinen Grabgesängen folglich die Überzeugungskraft fehlt.

Die These ist aber auch anderweitig leicht zu widerlegen, zum Beispiel mit Madonna, die sich in den Achtzigern Kultstatus erwarb, diesen regelmäßig auffrischt und, wenn die Medizin unseres Jahrhunderts etwas taugt, wahrscheinlich noch mit hundert Jahren einen makellosen Körper über die Bühne choreographieren wird. Und dann wäre da noch Bruce Springsteen, der mit „Born in the USA“ eines der erfolgreichsten Alben der achtziger Jahre hervorbrachte und mit seinem Konzert am gestrigen Freitag in Frankfurt die ganze positive Energie seiner größten Erfolgszeit ins 21. Jahrhundert hinüberpackte, was schon bei seinen Auftritten für Barack Obama sehr symbolisch und überzeugend wirkte (Bruce Springsteen: Musik für Obama).

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Anstrengend, aber machbar

Drei Stunden DauerauftrittDrei Stunden Dauerauftritt

Es wäre schade, die achtziger Jahre und ihren Geist zu früh zu Grabe zu tragen, denn es ist nicht schwer, diesem Jahrzehnt, in dem so viele Mauern fielen, Positives abzugewinnen. Musikalisch und gesellschaftlich ist da zum Beispiel an die vielen, im nachhinein oft belächelten Benefizkonzerte oder „USA for Africa“ zu denken – eine direkte Verbindung zwischen Michael Jackson und Bruce Springsteen, der bei der legendären Aufnahme mit seiner Raubtierenergie wie kein zweiter deutlich machte, dass es ebenso anstrengend wie machbar ist, „We are the world“ zu singen.

Wie abrufbar der Spirit der achtziger Jahre noch heute ist, sah man in der Frankfurter Commerzbank Arena dann doch wieder verblüfft an der Zusammensetzung des Publikums. Selten hat man eine derart schräg zusammengesetzte Gruppe von 40.000 Menschen in Alltagskleidung zu sehen bekommen. Da fingen plötzlich Herrschaften im Rentenalter zu hüpfen an und eine Unmenge von 50-Jährigen vermittelte mit ihren Trekking-Schuhen den Eindruck, als hätte sie sich gerade aus dem Wald ins Stadion geschlagen. Vielen über Dreißigjährigen passte das T-Shirt von der Springsteen-Tour 1984/85 noch, Zwanzigjährige waren offenbar von Mama und Papa eingeladen worden, und für besonderes Erstaunen sorgte, dass in der Mitte des Konzerts, gegen 22 Uhr, zwei von ihren Eltern knapp vor der Bühne auf die Schultern gehobene Kinder, als Springsteen ihnen das Mikrofon vorhielt, lautmalerisch eines seiner neuen Lieder zu Ende sangen.

Genau an der richtigen Stelle

Das Konzert begann mit einer Stunde Verspätung, was den kleinen Vorteil hatte, dass die blendende Sonne inzwischen hinter dem Stadion verschwunden war. Nach einem witzigen „Muss i denn“ auf dem Akkordeon tritt Springsteen auf, sein grundsympathisches, jungenhaft grimassierendes Gesicht erscheint auf der Großleinwand, er drischt in die Seiten, der Kopf nickt, als wolle er einen Pflug ziehen, seine naturereignishafte Stimme ertönt, und die Gewissheit füllt das Stadion, dass man an diesem sommerlichen, leicht schwülen Abend genau an der richtigen Stelle steht: Was ist eigentlich heute noch so mehrheitsfähig wie Bruce Springsteen, fragt man sich.

Springsteen beginnt mit einer Reihe neuer Lieder, und mischt von Anfang an Klassiker darunter. Die „one, two threes“, mit denen er die neuen Songs einleitet, kann man wahrscheinlich nirgendwo in höherer Frequenz hören, schon nach dem dritte Song denkt man: „Ein Wahnsinniger!“ Dann hebt er an mit „Hungry heart“, geht ganz nah, fast genüsslich ans Publikum auf dem Bühnensteg heran und sein Gesicht strahlt ein sympathetisches Geben und Nehmen aus, das man nicht alle Tage zu sehen bekommt. Das Lied singt sich mit Hilfe des Publikums von selbst, federleicht und hochintensiv. Die Selbstverständlichkeit dieses Augenblicks kann man sich wohl nur mit konstantester Kundenpflege über Jahrzehnte hinweg erspielen.

Improvisierte Predigt

Springsteen hat das Hemd schon durchgeschwitzt, bald wird auch die Hose komplett die Farbe gewechselt haben. In einer seltsam improvisierten Predigt erklärt er, ein Haus aufbauen zu wollen, auf der Grundlage von Respekt und Integrität, hier und heute, durch die Kraft der Musik, und als die Rede zu pathetisch zu werden droht, ergänzt er verschmitzt, dass er auch für sexuelle Erlösung sorgen wolle. Das Publikum jubelt. Das Motto der Tour, „Working for a dream“, hat sich längst von selbst erklärt und wirkt so zeitgemäß wie nur etwas. Dann bekommt die Gitarre wieder Saures und nach einem weiteren musikalischen Halbmarathon mit der E-Street-Band möchte man, energetisch schon bis an den Rand aufgeladen, Springsteen fast schon zügeln, er hat ja noch eine ordentliche Tournee vor sich. Aber das würde seiner Botschaft den nötigen Nachdruck nehmen: Es wird so lange Rock’n’Roll gespielt, bis der Boss kaputt ist und auch der letzte kapiert hat, was ein Mensch leisten kann, wenn er mit Leidenschaft und Menschenfreude bei der Sache ist, kurz: wenn der Wahnsinn Methode bekommt, mit dem allein die Welt zu verändern ist.

Inzwischen entscheidet Springsteen nach Plakaten aus dem Publikum, welche Nummer er als nächstes spielt, zwischendurch ist sogar mal etwas Ruhiges dabei, bei „Because the Night“ und überraschenderweise „Working on a Dream“ ist der atmosphärische Höhepunkt des Abends erreicht. Am Schluss gibt es noch – Springsteen kann dem fordernden Publikum in seiner Grundgütigkeit sichtbar nichts abschlagen, auch wenn der Titel nicht recht ins Programm des Abends passt – „Dancing in the Dark“, was übermütig in „Twist and shout“ und Andeutungen von „La Bamba“ übergeht.

Nach drei Stunden Dauerauftritt ist Springsteen platt, man sieht es ihm auf der Großleinwand an, und trotzdem geht er mit fast schuldbewusstem Blick, zörgerlich von der Bühne. Es gab noch Publikumswünsche, die er nicht erfüllen konnte. Aber das Haus ist gebaut, mit viel Schweiß und unendlichem Vertrauen in die übertragbare Kraft der Musik. Noch lange nach dem Verlassen des Stadiums, in der vollbesetzten S-Bahn Richtung Hauptbahnhof, beschlagen die Scheiben noch, Zwischenmenschlichkeit kann auch dampfen, und einigen älteren Herrschaften fallen in den Bänken zufrieden die Augen zu, von den mittleren Jahrgängen hört man ein begeistertes und ungläubiges „drei Stunden!“.

Am 5. Juli spielt Springsteen in Wien im Ernst-Happel-Stadion.

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