Bruce Springsteen: Ronald Reagen gab er einen Korb

schreibt  Adrian Zurbriggen in der Berner Zeitung als Vorschau auf das Konzert im Stade de Suisse.
Er ist Prolet und Poet, Lauthals und Leisetreter, Patriot und Protestler, Rocker und Rackerer: Morgen Dienstag kommt mit Bruce Springsteen eine der markantesten Figuren der Rockmusikgeschichte nach Bern. 

Artikel als E-Mail versenden

Empfänger (E-Mail)*

Absender (E-mail)*

Schliessen

Bruce Springsteen. Das ist eine schier berstende Halsschlagader. Ein zur Fratze verzerrtes Gesicht. Ein gepresstes Krächzen. Bruce Springsteen, das ist ein angespannter Hintern in abgewetzten Bluejeans, mit weit hochgerollten Hemdärmeln und Beinen, so breit wie bei einem Waldarbeiter beim Holzfällen. Kurz: Bruce Springsteen ist ein wandelndes Klischee. Und damit auch ein ständiges Missverständnis.

Springsteen ist zwar der amerikanischste aller amerikanischen Rocker, seine Songs kommen bisweilen mit zwei, drei Akkorden aus, und seine ausufernden Shows verbreiten oft den schweissigen Duft einer Kraftmeierei – doch ein Hurra-Patriot, ein dumpfer Rocker oder gar ein Reaktionär war Bruce Springsteen nie.

Reagan stand im Regen

Das Missverständnis hat einen Namen: «Born in the U.S.A.», dieses eigentlich grüblerische Lied von 1984 über die traumatische Umnachtung eines Vietnam-Heimkehrers. Das stramme Schlagzeug, die einprägsame Keyboardfanfare und der hymnische Refrain des 2-Akkord-Songs gefielen Ronald Reagan so sehr, dass er ihn für seinen Wahlkampf hätte (miss-)brauchen wollen. Springsteen lehnte, ohne zu danken, ab. So missverstanden «Born in the U.S.A.» wurde, so typisch ist dieser Song doch für Springsteen. Nichts verdeutlicht dies mehr als jene alternative Demoversion des Liedes, die später in der 4-CD-Box «Tracks» veröffentlicht wurde: Zu schroff angeschlagener Akustikgitarre singt Springsteen mit gespenstisch verhallter Stimme in Moll statt in Dur. Schlicht, ergreifend und unmittelbar, ist dieses «Born in the U.S.A.» ein Echo des zwei Jahre älteren «Nebraska»-Albums, Springsteens nach einhelliger Kritikermeinung bester Platte (siehe unten).

Von Mädchen und Mördern

Die beiden Versionen von «Born in the U.S.A.» vereinen damit die beiden Springsteeens im selben Lied. Hier der raunende Poet und Protestler, dort der rockende Prolet und Patriot. Kein Wunder, dass der von Autos und Mädchen singende Lauthals das Bild Springsteens stärker prägte als der über Mörder und Taglöhner sinnierende Leisetreter.

Dabei ist Bruce Springsteen seit 35 Jahren der verlässlichste Chronist des weissen Amerikas. Über den alltäglichen Heroismus der einfachen Leute wolle er schreiben, erklärte Springsteen einst, über die Leute, die darum kämpften, ein anständiges und produktives Leben zu führen. Springsteens Respekt vor der Unbeugsamkeit und der Würde dieser Menschen ist der roter Faden durch sein Werk.

Dass der Kampf um ein anständiges Leben bisweilen auch verloren geht, auch davon singt, nein erzählt Springsteen oft. Denn Springsteen ist mindestens so sehr Erzähler wie Sänger oder Musiker. Man höre «Nebraska» – nichts anderes ist diese Platte, als eine Sammlung von dunklen Kurzgeschichten über das beschädigte Leben im Herzen Amerikas, über die Einsamkeit auf nächtlichen Highways, das Sterben der Hoffnung oder die schauderhafte Gleichgültigkeit eines Mörders.

Literaten und Filmer

Zu den grossen amerikanischen Erzählern wie Thornton Wilder, Jack Kerouac und John Steinbeck gehöre Bruce Springsteen, schrieb das Magazin «Rolling Stone» einst und verlängerte diese Linie gar zu den Filmemachern John Ford und Martin Scorsese. Und tatsächlich ist Springsteens dramatisch-epische Musik immer auch Kino. Naheliegend darum, dass er mit «Dead Man Walking», «Streets of Philadelphia» und zuletzt «The Wrestler» auch markante Soundtracks schuf. Dass er sich für gewisse Songs bei Filmtiteln bediente, sei bloss am Rande erwähnt. Und dass «Born in the U.S.A.» von einem Drehbuch inspiriert wurde, ebenfalls.

All diese künstlerischen Meriten dürften gewürdigt werden, wenn Bruce Springsteen kommenden September seinen 60.Geburtstag feiert. Für die breite Masse wird er aber, «Born in the U.S.A.» sei Dank, immer der Prototyp des hart schuftenden Büezerrockers bleiben.

Diese Figur gibt der gemässigte Populist Springsteen für seine Fans im Übrigen ganz gerne zum Besten. So wird er mit Sicherheit auch morgen Abend im Stade de Suisse breitbeinig hinstehen, die Halsschlagader anschwellen lassen, das Gesicht zur Fratze verziehen und krächz-singen, drei lange Stunden lang. Er wird dabei einige neue Songs singen, er wird viele alte Songs singen, er wird jede Menge Hits singen – aber nicht «Born in the U.S.A.» Denn alles hat seine Grenzen.

Post a comment or leave a trackback: Trackback URL.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: