Vater und Sohn geben Bruce Springsteen den Takt an

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Jay und Max Weinberg wechseln sich als Schlagzeuger von Bruce Springsteen ab. Ein aussergewöhnliches Jobsharing.Es war Mitte April, als Max Weinberg  dachte, er habe gerade seinen Körper verlassen und sehe sich selber bei der Arbeit zu. Der 58-Jährige, der seit 1974 in Bruce Springsteens E-Street-Band Schlagzeug spielt, befand sich in einem Konzert eben dieser Band. Aber nicht auf der Bühne, sondern im Parkett. Das surreale Erlebnis, ein Konzert seiner Band aus der Fan-Perspektive zu sehen, verdankt er seinem Sohn: Jay Weinberg, gerade 18 Jahre alt, teilt sich auf der laufenden Tournee von Bruce Springsteen den Job am Schlagzeug mit seinem Vater. Mitte Mai spielte er erstmals ein komplettes, dreistündiges Konzert, und über den Sommer hinweg wird er ab und zu einspringen. «Ein Ferienjob, wie ihn wohl jeder gerne hätte», sagte er in einem Interview.

Der Grund für das innerfamiliäre Jobsharing ist in jener Zeit zu suchen, als die E-Street-Band pausierte. Springsteen hatte sie 1989 aufgelöst, und Max Weinberg lancierte im Fernsehen eine zweite Karriere: 1993 wurde er Bandleader in der Late-Night-Fernsehshow von Conan O’Brien, der Anfang Juni 2009 die Nachfolge von Jay Leno bei der «Tonight Show» angetreten hat. Mit O’Brien wechselten auch Max Weinberg und seine Band zur NBC, die diese legendäre Show produziert. Das Problem: Die E-Street-Band, seit 1999 neu formiert, tourt seit letztem Winter mit Springsteens aktuellem Album.

Max Weinbergs Termine kollidierten, und Bruce Springsteen griff zum Telefon: «Jay», sagte er zum Sohn seines Schlagzeugers, «du weisst ja, ich habe da diese Band. Und in dieser Band gibts zwar den weltbesten Schlagzeuger, bloss hat er ein Problem. Als ich ihn fragte, wie wir das lösen könnten, gab er mir deine Telefonnummer.» Jay Weinberg, der eben sein Studium an einem Technik-College begonnen hatte, war nun Mitglied einer der berühmtesten Bands der Welt. Als der Anruf kam, hatte es Jay Weinberg mit seiner Punkrock-Gruppe The Reveling zu einiger Unbekanntheit gebracht. Doch jetzt übte der Teenager, der nebst dem Schlagzeug auch Gitarre und Bass spielen kann, eines der vorzüglichsten Repertoires ein, das die Rockmusik zu bieten hat.

Über 200 Songs gab ihm sein neuer Boss, die er auf der Tournee «ganz sicher» brauchen werde. «Ich bin ja mit dieser Band aufgewachsen», stapelt der junge Weinberg in Interviews die herkulische Aufgabe tief, «und mit der Zeit habe ich gemerkt, wie ein typischer Springsteen-Song funktioniert.» Und gibt dann doch zu: «Es war ziemlich intensiv, das alles zu üben.» Einer der wichtigsten Tipps, die ihm sein Vater gegeben habe: «Er hat mir gezeigt, wie man viel und lange spielt, ohne dass die Hände zu schmerzen beginnen.»

Heute Abend in Bern wird Jay gemäss Auskunft des Veranstalters nicht spielen, wie zuletzt in England wird der ältere Weinberg am Schlagzeug sitzen. Bleibt eine Frage: Warum heuert Springsteen, für den jeder Schlagzeuger der Welt gerne arbeiten würde, einen 18-jährigen, international unerfahrenen Teenager an? Will Springsteen seine Band verjüngen? Naheliegender ist: Diese einfache und bodenständige Lösung des Problems passt zu gut zu diesem Musiker und prototypischen Amerikaner, um eine andere zu wählen: Mag der Sänger in seinen Songs über zerrüttete Beziehungen und gescheitertes Leben singen – die Band, die ihn begleitet, funktioniert ein bisschen wie eine intakte Familie. «Working On A Dream», heisst die aktuelle Tournee.

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