Die Frau vom Flughafen

über eine Frau, die seit geraumer Zeit auf dem Berliner Flughafen lebt, berichtet der Spiegel in seiner heutigen Ausgabe.

Eine Geschichte, die mich an den Film Gate 17 mit Tom Hanks erinnert.

Eine Frage des Willens


Eine Frau aus Finnland lebte monatelang auf dem Flughafen Berlin-Tegel, kam dann in die Psychiatrie – und landete nun in Berlin-Schönefeld. Die Geschichte von einem Gericht, das streng nach Gesetz handelt, und einem Pfarrer, der das unmenschlich findet.

Berlin – Jaana J. verhielt sich auf dem Flughafen Berlin-Tegel wie irgendjemand auf der Durchreise: Sie setzte sich in ein Café, eine Eisdiele oder ein Restaurant, als warte der Anschlussflug. Auf der Toilette machte sie sich frisch.

So ging das Tag für Tag: ein Körnerbrötchen mit Gouda und ein Kaffee mit extra viel Zucker beim Wiener Bäcker, eine Tafel Edel-Schokolade Kakao-Orange für 3,75 Euro in der Konfiserie, Kaffee und Kuchen im Bistro, dann noch zwei oder drei Kugeln im Eisladen. Die 40-Jährige war nie auffällig oder gefährlich, bezahlte alles auf den Cent genau, ließ sich nichts schenken, benahm sich, nun ja, ganz normal. Vier Monate lang.

Doch Jaana J. ist psychisch krank. Im Dezember strandete sie auf dem Berliner Flughafen Tegel und will seitdem nicht mehr in ihre finnische Heimat. Dort war sie in Behandlung, nahm Medikamente. Vor zwei Wochen wurde sie im Berliner Humboldt-Klinikum untersucht. Das Ergebnis: Sie ist psychisch krank, ja. Aber gefährlich? Nein. Also durfte sie gehen, wohin sie wollte.

“Sie braucht dringend Medikamente”

Pfarrer Kai Henttonen von der Finnischen Gemeinde in Berlin versucht seither, sich um die Frau zu kümmern. Er hat auch mit ihren Ärzten gesprochen. “Alle bejahen, dass sie krank ist und dringend ihre Medikamente braucht”, sagte er SPIEGEL ONLINE. Am liebsten schickte der Geistliche sie umgehend nach Hause.

Doch Jaana J. macht da nicht mit. Sie will in Ruhe gelassen werden, nicht zurück in ihre Heimat und ist überzeugt, ohne Hilfe auszukommen. “Sie ist sehr stolz und selbstbewusst”, so Henttonen. Auch eine Konsularbeamtin der Finnischen Botschaft ließ Jaana abblitzen.

Das Bodenpersonal des Flughafens sorgte sich derweil um die Gestrandete. Gabriele Giese, seit 28 Jahren Lufthansa-Mitarbeiterin, wollte J. einen Koffer voller Privatsachen schenken, Kleidung und Körperpflegemittel. Doch Jaana lehnte ab. “Sie sagte, sie finge gerade an, ein eigenes Leben zu leben”, so Giese zu SPIEGEL ONLINE. Dann habe sich die Finnin umgedreht und sei davongegangen.

Wirkliche Not leidet die Frau offenbar nicht: Beim Bäcker bestand sie immer darauf, jedes Brötchen vollständig zu bezahlen. Niemand weiß, wie sie ihren Lebensunterhalt finanziert. “Möglicherweise hat sie ein Konto und eine EC-Karte, wie jeder andere Mensch auch”, vermutet Henttonen.

“Ihre Eltern machen sich Sorgen”

Wenn es nach dem Pfarrer ginge, wäre die Frau gar nicht aus der Klinik entlassen worden, sondern man hätte sie zurück nach Finnland geschickt. “Ihre Eltern machen sich Sorgen, dort ist ein Arzt, der sich um sie kümmert.”

Der Mediziner flog sogar extra mit zwei Pflegern aus Finnland ein, um die Frau in ihre Heimat zu begleiten. Doch sie wollte nicht. Also verweigerte die Berliner Klinik die Übergabe der Patientin, und die Delegation reiste wieder ab. Pfarrer Henttonen findet das verantwortungslos: “Ich setze den freien Willen sehr hoch. Aber es gibt Situationen, in denen der Mensch nicht mehr weiter weiß, und da muss man ihm doch helfen.”

So einfach ist die Sache aus juristischer Sicht aber nicht. “Wenn von einem Mensch keine Gefährdung für sich oder andere ausgeht, gibt es keinen Grund, ihn gegen seinen Willen festzuhalten”, sagt Katrin-Elena Schönberg, Sprecherin der Berliner Justiz. Das wäre Freiheitsberaubung. “Der Fall klingt vielleicht schlimm, aber kein Gericht oder Arzt darf so einfach in die Persönlichkeitsrechte eines Menschen eingreifen – auch nicht mit noch so guten Absichten.”

In Finnland reicht ein einfaches ärztliches Attest, um jemanden gegen seinen Willen behandeln zu lassen – noch. Denn seit der Fall der Jaana J. auch in ihrer Heimat bekannt geworden ist, wird diese Praxis öffentlich debattiert.

Ein Zimmer ohne Bedingungen

Das Berliner Gericht prüft indes, ob ein Betreuungsverfahren für die Frau eingeleitet wird. Nach einem solchen Verfahren könnte die psychisch kranke Frau einen Vormund bekommen, der auch über ihren Aufenthaltsort bestimmen kann. So könnte sie wieder nach Finnland gebracht und dort behandelt werden. Doch das Verfahren dauert, sagt Schönberg. “Es ist nicht zu erwarten, dass das in den nächsten Tagen passieren wird.” Bis dahin hat die Frau das Recht, jegliche Hilfe abzulehnen.

Denn das tut sie weiterhin. Nach einer kurzen Odyssee durch die Stadt hat sie nun Berlins zweiten Flughafen gefunden, Schönefeld. Pfarrer Henttonen bekam einen Tipp von der Polizei und entdeckte sie dort auf einer Bank liegend. Doch reden wollte sie mit ihm nicht, auch wenn er ihr etwas anzubieten hatte: ein Zimmer, ohne Bedingungen.

Henttonen lässt sich aber nicht entmutigen. Er wird sich weiter um sie bemühen und hofft, irgendwann zu ihr durchzudringen. Denn für vollkommen verwirrt hält er sie nicht. “Immerhin findet sie ohne Probleme zum Flughafen.” Sie müsste eigentlich nur noch in eine Maschine steigen.

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