Viele Bürger denken ähnlich wie die Anarchos – sie halten die Eliten ihres Landes für unfähig und korrupt.

Krawalle stürzen Griechenland in tiefe Demokratie-Krise

Gewalt auf den Straßen, Misstrauen in den Köpfen: Die schweren Krawalle sind nur das sichtbare Symptom der griechischen Staatskrise, tatsächlich reicht der Vertrauensverlust viel tiefer. Viele Bürger denken ähnlich wie die Anarchos – sie halten die Eliten ihres Landes für unfähig und korrupt.

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Gewalt auf den Straßen, Misstrauen in den Köpfen: Die schweren Krawalle sind nur das sichtbare Symptom der griechischen Staatskrise, tatsächlich reicht der Vertrauensverlust viel tiefer. Viele Bürger denken ähnlich wie die Anarchos – sie halten die Eliten ihres Landes für unfähig und korrupt.

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Athen – Es gibt diesen bemerkenswerten Moment, der sich am Nachmittag abspielt, gegen halb zwei, vor der Nationalbibliothek in Athen. Er sagt viel aus darüber, warum Tausende Halbstarker seit Tagen das öffentliche Leben in den griechischen Metropolen terrorisieren können – und warum sie weder die Polizei noch engagierte Bürger endgültig in ihre Schranken weisen.

Zu sehen sind also in diesem Augenblick hinter dem dichten Nebel aus Tränengas und Rauchschwaden, die von einigen brennenden Müllsäcken herüberwehen, eine blonde Frau, Mitte 30, im Hosenanzug und mit Akten unter dem Arm sowie ein junger Autonomer im schwarzen Quicksilver-Pullover, mit Adidas-Turnschuhen und Nike-Rucksack. Er hält Steine in seinen Händen.

Angeregt unterhalten sich die beiden, sie lachen und scherzen, vielleicht sind sie miteinander verwandt, während die Kameraden des Randalierers neben ihm fleißig weiter den Bürgersteig aufstemmen. Dann verabschiedet sich die Dame, Küsschen links, Küsschen rechts, und stöckelt anmutig davon. Der Unbekannte hingegen dreht sich um, nimmt einen Brocken und schleudert ihn über die Straße, auf die Polizisten.

Anarcho-Alltag in Athen.

Die griechischen Krawalle sind ein Lehrstück dafür, wie tief ein Land sinken kann, dem es am überhaupt Wichtigsten mangelt: an der Akzeptanz und der Unterstützung seiner Bürger. In der Wiege der Demokratie, so muss man dieser Tage unweigerlich den Eindruck gewinnen, gibt es nur noch wenige, die dem Regierungsapparat über den Weg trauen. Zu tief sitzen die ernüchternden Erfahrungen mit Skandalen, Vetternwirtschaft und Korruptionsaffären. Geschäftsleute und Anarchos sind sich daher in einem sehr einig: in ihrer einhelligen Ablehnung der Eliten.

“Ich liebe mein Land”, sagt der weißhaarige Theo, 62, der als Gastarbeiter lange Zeit in Deutschland gelebt hat, “aber ich hasse die Politik.” So schlimm wie heute, so verdorben, durchtrieben und niederträchtig habe er die Regierenden noch nicht erlebt. “Es muss sich endlich etwas ändern, sonst gehen wir vor die Hunde”, schimpft Theo, Schuhverkäufer und Sozialist.

“Wir wollen ein anderes Land”

Hinter dem schützenden Zaun der Polytechnischen Hochschule, dem Refugium der Rebellen, steht etwa zur selben Zeit ein junger Mann, der sich Christos nennt, aber sicherlich ganz anders heißt. Er hat einen Schal um sein Gesicht geschlungen, doch seine braunen Augen blitzen und flitzen umher – und man kann nicht sicher sein, ob er Drogen genommen hat oder einfach übernächtigt und berauscht ist von den Schlachten mit der Polizei.

“Wir wollen ein anderes Land, eine andere Gesellschaft. Dafür kämpfen wir, dafür gebe ich mein Leben”, sagt der 23-Jährige nicht wenig theatralisch und schlägt sich in großer Geste die Hände vor die Brust. Wie er das mit Steinen auf Polizisten und mit Brandsätzen gegen Luxuskarossen erreichen will, sagt er nicht.

Eines der Probleme dieser griechischen Tragödie ist, dass es keine Instanz gibt, die sie beendet. Die Autonomen können nicht gewinnen, ihre Ziele sind illusorisch, wenn man sie überhaupt ernst nehmen kann, ihre Mittel beschränkt.

Vielen der mehreren Tausend Halbstarken, die auch am heutigen Mittwoch wieder marodierend durch Athen ziehen, geht es überhaupt nur um ihre unbändige Lust an einem vergleichsweise ernsten, aber immer noch ungefährlichen Schlagabtausch. Sie werfen Steine auf Polizisten und wenn die Beamten schließlich auf sie zustürmen, nehmen sie Reißaus. Es ist, als spielten testosterongetriebene Männer Anfang 20 Fangen.

Doch auch die Uniformierten können den Ausschreitungen kein Ende bereiten. Die Beamten treten tagsüber fast überall nur in geringer Stärke auf und scheinen dann mit Forschheit ihre Unterzahl wettmachen zu wollen. Sie schleudern Tränengasgranaten, stürmen den Demonstranten nach – und nehmen doch kaum jemanden fest. Das belebt den Konflikt eher, als dass es ihn eindämmt.

“Sie sollen uns endlich schützen”, schimpft die Besitzerin eines Handy-Ladens, deren Schaufensterfront vor zwei Tage eingeschlagen wurde. “Wie lange soll das denn noch so gehen? Das ist doch kein Zustand.” Gegen Proteste habe sie nichts, ganz im Gegenteil, aber bitte nicht zu Lasten kleiner Geschäftsleute. “Das kann ich mir nicht leisten”, sagt Christiana, 43.

Wie lange werden die Krawalle also noch dauern – das ist die entscheidende Frage. Christos, der Steinewerfer und angehende Ingenieur, ist sich sicher, dass sie schon in den nächsten Tagen abklingen werden. Ein Polizist, der sich einen Moment lang von seinen Kollegen unbeobachtet wähnt, sagt vieldeutig: “Ich hoffe, das Ende ist nahe.” Und Theo, der Schuhverkäufer, tönt: “Morgen ist es vorbei.”

Opfer soll von Querschläger getroffen worden sein

Vielleicht trägt die Nachricht zur vorübergehenden Waffenruhe bei, dass der am Samstag durch eine Polizeikugel getötete Schüler Alexandros Grigoropoulos, 15, offenbar von einem Querschläger getroffen worden. “Es war ein Unfall”, sagte der Anwalt des beschuldigten Polizeibeamten Epaminondas Korkoneas. Aus Justizkreisen verlauteten ähnliche Berichte.

Bevor das Projektil Alexandros getroffen habe, sei es von etwas abgeprallt. Es habe sich damit nicht um einen gezielten Todesschuss gehandelt, wie die Protestler unterstellt hätten, hieß es. Das Ergebnis der ballistischen Untersuchung wurde bislang jedoch nicht veröffentlicht.

Der Beamte Korkoneas, von seinen Kollegen angeblich “Rambo” genannt, hatte ausgesagt, er habe drei Warnschüsse abgefeuert, das Opfer sei von einem Querschläger getroffen worden. Der 37-Jährige hofft nun, nicht wegen Totschlags oder Mordes, sondern nur wegen fahrlässiger Tötung belangt zu werden. Seinem 31-jährigen Kollegen wird bislang Beihilfe zum Totschlag vorgeworfen.

Auf der Straße jedoch rufen sie am Nachmittag: “Bullen, Schweine, Mörder!”

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