Fürze mit Würze

Bester Spiegel – Titel aller Zeiten über US-KOMIKERIN SARAH SILVERMAN

Dass man trotz Pups-Orgien, Fäkalwitzen und Rassismus-Kalauern hintersinnig sein kann, hat Sarah Silverman in den USA längst bewiesen. Super Idee, dass Comedy Central “The Sarah Silverman Program” endlich in Deutschland zeigt – doch das Ganze hat einen schlimmen Schönheitsfehler.

Wenn Sarah Silverman Wahlkampf für Barack Obama macht, klingt das etwas anders als die glattgebügelten Optimismusparolen im Stil von “Yes, we can”. Silverman ist eine Freundin klarer Ansagen, also drehte sie lieber ein Video, in dem sie junge Juden dazu auffordert, “ihre fetten Hintern nach Florida zu bewegen”. Dort sollen sie ihre im Sonnenstaat ansässigen Großeltern dazu überzeugen, für den schwarzen Präsidentschaftskandidaten zu stimmen. Schließlich hätten beide – Juden wie Schwarze – denselben Geschmack: Trainingshosen, Cadillacs und protzigen “Bling”-Schmuck.

Autsch. Hat diese nette, junge Frau das wirklich gesagt? Hat sie. Und noch viel mehr: Eine Jüdin beim Pinkeln zu stören sei wie den Holocaust anzuzweifeln. Außerdem mache es keinen Unterschied, ob jemand schwul oder bisexuell ist, denn “beides ist gleich eklig”. Und, ein echter Silverman-Klassiker: “Es ist mir egal, ob ihr mich für rassistisch haltet. Ich will nur, dass ihr findet, ich sei dünn.”

Sarah Silverman ist Komikerin. Aber keine, die sich mit laschen “Warum-Frauen-nicht-einparken-können”-Pointen zufrieden gibt. Frau Silverman hat es gerne etwas härter, und so bescherte sie den USA gemeinsam mit Kolleginnen wie Tina Fey, Sandra Bernhard oder Jenna Fischer einen einzigartigen weiblichen Comedy-Boom. In der Riege der offensiven, von allen Rollenklischees befreiten Scherz-Ladys nimmt Silverman die Rolle des wandelnden Zoten-Albtraums ein, der allen Anhängern der Political Correctness buchstäblich ins Gesicht furzt. Sie schwadroniert genüsslich über Muschis, Kacke und Pisse und reißt Witze über so ziemlich jede Randgruppe der (US-amerikanischen) Gesellschaft: Schwarze, Schwule, Juden, Aidskranke, Obdachlose und Behinderte.

Das Überraschende dabei: Die derben Tabubrüche der 37-Jährigen kommen in den USA blendend an. Es sieht fast so aus, als sei das Land nach Jahren der Doppelmoral unter der Bush-Regierung reif für ihren herzhaft aufklärerischen Humor. Denn Sarah Silverman entlarvt mit ihren Witzen die Oberflächlichkeit, Selbstbezogenheit und Bigotterie ihrer Landsleute. Deswegen gilt die Jüngste von vier Töchtern einer linksliberalen jüdischen Intellektuellen-Familie längst als Amerikas Antwort auf den britischen Komiker Sacha Baron Cohen. Als eine Art weiblicher Borat, nur hübscher als ihr männliches Vorbild.

Im Internet werden ihre Sketche millionenfach angeklickt. Ihre TV-Serie “The Sarah Silverman Program”, die in den USA bereits in der zweiten Staffel läuft, wird in einem Atemzug mit Amerikas großen Comedy-Flaggschiffen “Saturday Night Live” und “David Chapelle’s Show” genannt. Und für ihr skurriles Musikvideo “I’m fucking Matt Damon”, in dem der echte Matt Damon sich nicht zu schade war mitzuspielen, gewann sie sogar einen der begehrten “Emmy Awards” – und das, obwohl die Nummer wegen des versauten Vokabulars fast nur aus Piep-Tönen besteht.

Tatsächlich ist ihr gutes Aussehen zusammen mit ihrem drastischen Humor eine unschlagbare Kombination. Mit ihrem wippenden Pferdeschwanz, dem Porzellanteint und den großen kohleschwarzen Kulleraugen wirkt Silverman so harmlos wie eine Kreuzung aus Schneewittchen und Highschool-Cheerleader. Doch sobald sie ihren Mund aufmacht, wird es schmutzig, zotig – und saukomisch.

Nach diesem Muster funktioniert auch ihre Show “The Sarah Silverman Program”. Nach dem Vorbild von Jerry Seinfeld in “Seinfeld” spielt Silverman darin gewissermaßen eine dreckige Variante ihrer selbst: eine egozentrische, ignorante, pubertäre und rücksichtslose Figur namens Sarah Silverman. Sie ist arbeitslos, lässt sich von ihrer gutmütigen Schwester Laura (gespielt von ihrer echten Schwester Laura) aushalten und macht ihrer Umwelt nichts als Ärger.

Egal, ob diese Horrorfrau einen Obdachlosen aufnimmt, um sich danach im Fernsehen als “Menschenfreundin des Jahres” feiern zu lassen, ob sie sich einbildet, Aids zu haben und deswegen mit dem Geld ihrer Schwester eine komplett sinnlose “Aids-Awareness-Kampagne” startet oder ob sie sich mit Hustensaft betrinkt und den Freund ihrer Schwester vergrault, immer ist ihr Witz ätzend zynisch – und die Szenerie erschreckend real.

In Deutschland hätte diese hintersinnige Vulgärkomik gute Chancen, zum Hit zu werden – gewissermaßen zum Ausgleich zur hiesigen, traditionell platten Comedy-Szene. So gesehen hat der Sender Comedy Central alles richtig gemacht, als er beschloss, das “Sarah Silverman Programm” ab sofort auch hierzulande auszustrahlen. Das Problem ist nur: Man hat sich nicht getraut, die Show im Original zu zeigen und einfach nur zu untertiteln. Stattdessen wurde alles, selbst die Songs – die das Herzstück jeder Episode bilden – gnadenlos durchsynchronisiert.

Das Ergebnis ist erschütternd unlustig. Aus einem Wortspiel wie “Gayghbours”, mit dem Sarah ihre homosexuellen Nachbarn tituliert, wird ein laues “schwule Nachbarn”. Noch schlimmer: Wie ein dicker Teppich überdeckt die Übersetzung alle sprachlichen Feinheiten und dämpft die scharfen kulturkritischen Spitzen der Show. Wenn Silverman etwa in einer Episode den Charity-Wahn der Amerikaner als egoistisch entlarvt, wirkt das auf Deutsch einfach nur plump.

Man muss die Untiefen und Konventionen der amerikanischen Gesellschaft schon sehr gut kennen, um zumindest erahnen zu können, in welche Kerben “The Sarah Silverman Programm” in den USA schlägt. Für alle anderen gilt: Lieber die Originalversion auf DVD kaufen, als sich von hölzernen Übersetzungen anöden zu lassen.

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