histrionische Persönlichkeitsstörungen

… – daran leiden Leute, die um jeden Preis Aufmerksamkeit auf sich ziehen und im Mittelpunkt stehen wollen – so die Zeit aus einem Interview mit dem Gutachter Günter Köhnken

Böse Eloquenz

Die gefährlichsten Falschbeschuldiger sind Menschen mit unauffälligen psychischen Störungen, sagt der Gutachter Günter Köhnken

DIE ZEIT: Wie groß ist das Problem der Falschaussagen zahlenmäßig?

Günter Köhnken: Ich sehe als Gutachter eine selektive Auswahl, also nur die Fälle, die bereits als problematisch eingeschätzt worden sind. Und in diesem Fallmaterial ist die Anzahl der Falschaussagen natürlich deutlich höher.

ZEIT: Wie hoch denn?

Köhnken: Um die dreißig, vierzig Prozent.

ZEIT: Welche Delikte kommen für falsche Beschuldigungen infrage?

Köhnken: So gut wie alle – bis hin zu Mord und Totschlag. Aber ganz überwiegend sind es Sexualdelikte. Und hier hat die Zahl der Erwachsenen – in der Regel Frauen – auffällig zugenommen, die behaupten, Opfer einer Sexualstraftat geworden zu sein und bei denen gleichzeitig eine psychiatrische Grundproblematik, meistens eine Persönlichkeitsstörung, vorliegt. Das sind Konstellationen, bei denen die Justiz Bedenken kriegt, und dann werden Gutachten eingeholt.

ZEIT: Wo waren diese psychisch labilen Frauen früher? Wurden sie sämtlich für glaubwürdig gehalten und sorgten für Justizirrtümer?

Köhnken: Früher gab es diese Frauen auch, und ich schließe nicht aus, dass so manche als glaubwürdig durchgerutscht ist, einfach weil der Justiz das Problembewusstsein fehlte. Ob sich die Zahl der Persönlichkeitsgestörten in den letzten Jahren erhöht oder nur deren Erkennbarkeit gesteigert hat, mag dahingestellt bleiben. Sicher aber ist die Sensitivität für psychisch defekte Personen in der Justiz gewachsen, die Staatsanwaltschaften und Gerichte haben dazugelernt. Das Thema Persönlichkeitsstörung ist dort stärker ins Bewusstsein gerückt. Und wenn zum Beispiel die Symptome einer Borderline-Störung…

ZEIT: …einer schweren psychischen Erkrankung, die durch starke Gefühlsschwankungen gekennzeichnet ist…

Köhnken: …aus den Ermittlungsakten hervortreten, dann klingeln bei den Strafverfolgern die Alarmglocken. Das kann sein, wenn die Person zu Selbstverletzungen neigt, wenn also Narben zu sehen sind, oder der Hang zur Selbstbeschädigung eingeräumt wird.

ZEIT: Welche Rolle spielen andere seelische Störungen?

Köhnken: Man muss bei den Persönlichkeitsstörungen unheimlich aufpassen. Es gibt sehr plakative Störungen wie die Borderline-Störung, die nicht leicht zu übersehen ist. Viel gefährlicher aber sind solche Störungen, die schwer zu erkennen sind und sich auf die Qualität der Aussage auswirken. Beispielsweise histrionische Persönlichkeitsstörungen – daran leiden Leute, die um jeden Preis Aufmerksamkeit auf sich ziehen und im Mittelpunkt stehen wollen.

ZEIT: Können Sie einen Fall beschreiben?

Köhnken: Ich hatte kürzlich so eine Zeugin zu begutachten. Ihre verbale Intelligenz war überdurchschnittlich, sie hatte schon als Jugendliche irgendwelche Geschichten aufgebauscht, um Aufmerksamkeit zu erzielen. Diese Zeugin war nicht erst seit gestern Histrionikerin, sondern schon seit über zwanzig Jahren. Sie hat ihre Fabulierkunst lange trainiert und beherrscht das Verhaltensmuster, durch Erfinden und Übertreiben Zuwendung zu erhaschen, inzwischen perfekt. Wenn nun eine solche Person zur Polizei kommt, erscheint sie als ideale Zeugin. Eine so beeindruckende Aussage mit sagenhaften Details, begleitet von erschütternden Gefühlsausbrüchen, erscheint zunächst wie ein Glücksfall. Da kommen Polizisten nicht drauf, dass hinter einer so grandiosen Aussage eine Störung stecken könnte. Dabei war die Aussage zum größten Teil übertrieben oder erfunden.

ZEIT: Warum sind es vor allem Sexualdelikte, die erfunden werden?

Köhnken: Es betrifft auch andere Delikte. Aber diese Fälle sehen wir Psychologen nur selten. Bei uns landen vor allem die Fälle, bei denen es keine anderen Indizien mehr gibt, wo allein die Aussage einer Person den Angeklagten belastet.

ZEIT: Warum sind es vor allem Frauen, die durch Falschbezichtigungen auffallen?

Köhnken: Persönlichkeitsstörungen treten bei Frauen deutlich häufiger auf diese Weise zutage. Bei Männern äußern sie sich anders, zum Beispiel durch Aggressionsdelikte.

ZEIT: Suchen sich die Kranken deshalb diese Deliktgruppe aus, weil dort allein Überzeugungskraft zählt und darin ihre Hauptbegabung liegt?

Köhnken: Könnte sein – bei anderen Delikten läuft der Falschbezichtiger ja Gefahr, dass es andere Sachbeweise, also nachweisbare Verletzungsmerkmale geben müsste. Sexuelle Erfahrungen haben die meisten, da fällt es nicht schwer, einen Übergriff zu simulieren.

ZEIT: Welche Rolle spielen die Medien? Machen sie durch Berichte über Sexualdelikte den Gerichtssaal als Bühne für krankhafte Lügner erst attraktiv?

Köhnken: Die meisten selbst ernannten Opfer denken nicht von vornherein an die Justizbühne, sondern viel kurzfristiger. Sie wollen jemanden in ihrem Umfeld beeindrucken und geraten dann in den falschen Film, weil einer die Polizei ruft. Aus dieser Bredouille kommen sie ohne Gesichtsverlust nicht mehr heraus und beharren auf ihrer Lüge.

ZEIT: Wie kommen Sie den Lügnern auf die Spur?

Köhnken: Wir Gutachter brauchen beobachtbare Sachverhalte, aus denen wir Rückschlüsse auf den Wahrheitsgehalt ziehen können. Dafür ist zum Beispiel die Konstanzanalyse gut. Die Übereinstimmungen zwischen den Schilderungen derselben Zeugin sind ein wichtiges Indiz für echtes Erleben. Man muss aber bedenken, dass diese Befunde auch verfälscht sein können. So kann eine Aussagekonstanz künstlich hergestellt werden dadurch, dass die Zeugin – die ja oft auch Nebenklägerin ist und Akteneinsicht hat – ihre eigene Aussage immer wieder durchstudiert. Wenn eine Belastungszeugin ihr eigenes Polizeiprotokoll vor der Begutachtung durchliest, ist die Konstanzanalyse diagnostisch nichts mehr wert.

ZEIT: Was kann man dagegen machen?

Köhnken: Einmal mehr um die Ecke denken und die Leistungsanforderungen an den Zeugen deutlich erschweren. Die Frage ist doch immer: Wäre die Zeugin kognitiv in der Lage, sich das angebliche Erlebnis auszudenken, wenn sie es nicht selbst erlebt hätte? Wenn nicht, dann ist die Aussage wahrscheinlich wahr. Wenn ich ein geistig schlichtes Mädchen exploriere, das spontan hochkomplizierte und ausgefallene Sachverhalte schildert, dann wird mir schnell klar, es ist völlig undenkbar, dass sie sich das ausgedacht hat. Aber wenn ich eine hochbegabte und eloquente Zeugin vor mir habe, dann muss ich komplexere Fragen stellen, auf die auch diese Person nicht schon eine Antwort vorbereitet haben kann. Oder ich muss die Fragesituation künstlich erschweren: Wenn jemand sich eine Straftat ausdenkt, dann tut er das typischerweise von vorne nach hinten, also chronologisch geordnet, als lerne er ein Gedicht. So eine chronologische Geschichte hält sich erstaunlich lange im Gedächtnis. Aber man braucht meistens ein Stichwort, um in die nächste Phase zu finden, so wie ein Rezitator das Ende der dritten Strophe braucht, um die vierte herzusagen. Das hängt mit der Eigenart des Gedächtnisses zusammen. Nehme ich die letzte Zeile der dritten Strophe weg, dann hat er ein Problem. Und mache ich einem Zeugen seine Chronologie kaputt, frage ihn kreuz und quer, dann kommt er womöglich ins Schleudern – aber nur, wenn die Aussage nicht erlebnisbegründet ist.

ZEIT: Wie reagieren Zeugen, wenn sie durch Lügen einen Unschuldigen hinter Gitter gebracht haben?

Köhnken: Das hängt davon ab, wie bewusst die Falschaussage war. Wer gezielt gelogen hat, der hat hinterher im Falle des Erfolgs möglicherweise ein Triumphgefühl. Aber es gibt auch Zeugen, die etwas Falsches sagen, dieses aber subjektiv für richtig halten. Die haben natürlich auch kein Schuldgefühl, denn sie glauben, die Strafe sei gerecht.

ZEIT: Wer lügt besser – der bewusste oder der unbewusste Lügner?

Köhnken: Der unbewusste, denn er hält seine Aussage für wahr, er hat sich manchmal monatelang vor der Anzeige damit beschäftigt, Erinnerungen abzurufen und Scheinerinnerungen zu entwickeln, bevor er zur Polizei geht. Deshalb müssen wir Gutachter uns darüber im Klaren sein: Jedes Wahrheitsindiz kann eine ganz andere Erklärung haben als die Wahrheit der Geschichte. Wenn ich nicht nach alternativen Erklärungen suche, dann finde ich auch keine. Wenn Sie einen Schlüssel suchen, und Sie sind fest davon überzeugt, er kann nur im Wohnzimmer sein, dann suchen sie nur dort und finden ihn nicht – denn er liegt im Schlafzimmer.

Die Fragen stellte Sabine Rückert

Günter Köhnken ist Professor für Psychologie an der Christian-Albrechts-Universität Kiel

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